Montag, 12. Februar 2007

Atlantikueberquerung

Hallo Ihr Lieben!
Es ist stockdunkel, nur am Horizont ahnt man langsam, dass es dort im Osten bald dämmern könnte. Wie viel Uhr es ist? Das weiß ich nicht, denn wir leben hier an Bord gerade nur mit UTC Zeit und mit Hännedebbele kommen wir von einer Zeitzone in die nächste, daher kann ich nur sagen, es ist gerade 8:12Uhr UTC, kurz vor Sonnenaufgang und mitten auf dem Atlantik mit den Koordinaten 19°36´Nord und 03´West. Den Rest dürft Ihr Euch selber ausrechnenJ. Ich habe gerade sogenannte Nachtwache, aber um ehrlich zu sein muss ich schon sagen, dass die eigentliche Nachtwachen Markus und Rainer übernommen haben und ich nur die schönen Dämmerungszeiten als Wachzeiten bekommen habe. Das nennt man ECHTE GENTLEMEN! Ja, heute Abend gibt es wohl hier an Bord ein großes Fest, da wir streckenmäßig die Hälfte unserer Atlantiküberquerung geschafft haben werden. Die erste Woche waren wir hauptsächlich Süd gefahren, um in die Passatzone zu gelangen, in der es bis auf ca.1% im Jahr immer guten Wind, v.a. Nord-Ost-Winde hat. Kaum waren wir genau in diese Zone gekommen, wurde der Wind immer schwächer und hat inzwischen ganz den Geist aufgegeben. Gestern haben wir uns den ganzen Tag über mit 2Knoten (4km/h) dahingeschleppt – es fühlte sich eher wie Strandurlaub als wie segeln an, war aber auch schön – und seit gestern Abend gibt der Motor den Takt an und Frettchen (der Autopilot) singt dazu. Aber ansonsten ist alles ganz still hier. Eine langgestreckte Dünung hebt das Boot mal auf den Berg und mal ins Tal. Es wirkt eigentlich eher so, als würde das Meer ruhig schlafend Ein- und Ausatmen, der Brustkorb hebt und senkt sich. Die kleinen Wellen, die unsere Columba erzeugt, bieten in der Nacht ein wahres Schauspiel, denn leuchtende Kreise um Kreise bilden sich um uns herum, die sich in Kringeln in unserem Fahrwasser dann verlieren. Es ist so richtig hellgrün-weiß glimmendes Meeresleuchten. Als wir noch vor ein paar Tagen Wellen hatten, erschrak man manchmal regelrecht, wenn auf dem eigentlich so leeren Horizont sich eine kleine Welle brach und dadurch hell aufleuchtete. Doch es ist ungewöhnlich diesig für diese Gegend, in der klares Wetter mit vielen kleinen, stetig gen Westen ziehen Wolken, üblich ist.
Wir hatten mal wieder die Abfahrt recht gut getroffen. Eigentlich hatten wir erst am 11.01. losziehen wollen, entschieden uns aber dann doch kurzer Hand am 10.01. schon aufzubrechen. Die Wettervorhersage schien gut und nördlich der Kanaren sollte zwei Tage später ein Unwetter durchziehen, so schien es sinnvoller, dann schon weiter im Süden zu sein. Schon in der ersten Nacht sahen wir am Horizont Wetterleuchten, doch es war noch weit entfernt. In der zweiten dachten wir, das Gewitter würde an uns vorbeiziehen. Falsch gedacht! Bald war schon das erste Reff im Groß (eine Verkleinerung des Großsegels) notwendig, bald die Rollgenua zur Hälfte eingeholt, dann sprang Rainer zur Hilfe, um während einer kräftigen Gewitterböe den wild schlagenden Rest der Genua noch ganz einzurollen. Unglaublich, was da für ein Zug auf die Leinen kommen kann! Ich hatte ein äußerst wirksames Medikament gegen meine Seekrankheit intus, so dass mich nichts zu bekümmern schien während ich in der Vorkoje lag bzw. schwebte, da natürlich genau in diesem Moment ein Schiff immer näher auf uns zu kam und wir hoch am Wind die Bahn räumen mussten. Markus war fassungslos als er mich so durch die Gegend fliegen sah und ich dabei zu ruhen schien. Er hatte damit gerechnet, dass ich empört aus der Koje gesprungen käme. Aber was sollte ich machen? Ich wusste, ich hatte nur noch ca. eine Stunde Freiwache, und wollte mich jetzt auf biegen und brechen ausruhen.
Letztendlich waren bis auf ein kläglicher Rest im Großsegel alles eingeholt. Wir verkrochen uns unter Deck und sperrten das Gewitter mit seinem Regen aus. In der dritten Nacht wollten wir ganz schlau sein, denn irgendwie sahen die Wolken wieder komisch aus. Also setzten wir gleich von vornherein die Sturmfock und harrten der Dinge die da kommen mögen. Wieder falsch gedacht. Es kam die Flaute. Also schaltete ich die Maschine an und motorte mit Sturmfock bei Flaute gen Südwesten. Wie wir später erfahren haben, begann kurz nach unserer Abfahrt von La Palma dort für viele Tage ein kräftiges Unwetter mit bis zu 45 Knoten Wind und einer dementsprechend kochenden See.

Doch warm ist es inzwischen geworden. Bis vorgestern hatte ich mir noch Skiunterwäsche für die Nachtwache zusätzlich angezogen, inzwischen würde eine kurze Hose schon fast ausreichen. Doch wenige Tiere bekamen wir bis jetzt erst zu Gesicht. Am Anfang ein paar Delfine, manchmal wenige fliegende Fische, Rainer hatte kurz einen Wal gesehen und ein paar Möwen und Seeschwalben schauen mal vorbei. Doch wir sind munterer Dinge, zumal uns eh nichts anderes übrig bleibt, als alles so hinzunehmen wie es kommt.


26.01.07
Endlich stehen die Segel wieder
Das Meer um uns gurgelt, als sänge es Lieder,
Es rauscht vorbei an Columbas Bug
Denn sie zerteilt es, gleich einem Pflug
Und lässt dabei glühende Schollen zurück.
Ein solcher Anblick erfüllt mich mit Glück.

Wir hatten schon lange so wenig Wind,
Es schien, dass wir noch immer da sind
Wo wir vor vielen Stunden schon waren.
Ja maiiiiii, wie soll man da auf ein Ziel zufahren
Das weiter entfernt als 1000 Meilen?
Dann müsst man noch lange auf See verweilen!

Doch jetzt, da endlich der Ostwind begonnen
Fühlen wir uns schon gleich wie benommen.
Der Rechner kommt raus, es wird kalkuliert,
Die Tage gezählt, dann jubiliert.
Wenn jetzt in der Zukunft der Wind also bliebe
Und uns nun zügig gen Westen triebe,
Müsste in etwa in 1 x 10 Tagen
Sich unsere Ankunft ereignet haben.


04.02.07
Nur noch 93 Seemeilen bis Martinique. Columba gibt alles was sie kann, auch sie scheint es vorzuziehen, noch bei Helligkeit in Landnähe zu kommen. Laut unseren Berechnungen würden wir kurz nach Einbruch der Nacht ankommen. Momentan stellt Columba aber einen Rekord von 6,5 Knoten Durchschnittsgeschwindigkeit auf. Die Wellen sind nicht zu knapp und spielen etwas „Armdrücken“ mit Columba, die dabei wacker versucht den Kurs zu halten. Ich sitze gerade vorzugshalber auf der Treppe vom Niedergang während meiner Nachtwache, da einige Wellen ihre Zungen bis ins Cockpit strecken. So manch eine Welle scheint es lustig zu finden, uns erst hoch auf ihren Berg zu geben, um sich dann zu brechen und laut krachend und brodelnd unter uns hindurch zu rollen. Teilweise steigt der Wasserschaum dabei weit über Deckshöhe und manchmal surfen wir auf einer Welle für eine längerer Weile durch die Weltgeschichte. Seit ein paar Tagen schauen gelegentlich Wolken bei uns vorbei, die uns nicht nur mit Wasser sondern auch mit fleißigem Wind überraschen (sog. Squalls). Ja, ich kann es kaum erwarten, das Boot einfach mal anzuhalten, all die Bewegungen einzustellen und dabei keine Wache halten zu müssen. Wir sind jetzt schon seit 25 Tagen unterwegs, doch es kommt mir vor, als wäre es mindestens 2 Monate her, dass ich das letzte Mal Land gesehen habe.

Freitag der 09.02.07
Es ist muxmäuschen still um uns. Alles voller kleiner Ankerlichter und ein glatter Wasserspiegel. Was für ein Kontrast zu noch vor ein paar Tagen. Als ich in dem vorigen Absatz aufgehört hatte zu schreiben, begann so langsam erst der richtige Seegang. Wir hatten durchgehend 6-7 Windstärken und in Böen 8, eigentlich nicht ausreichen, um eine solche See aufzuwühlen. Die Wellen wurden immer steiler und höher, teilweise regelrecht aggressiv. Sie wurden so hoch und so steil, dass Columba mit bis zu 11,5 Knoten die Wellen hinunter sauste, auf der Rückseite der Welle jedoch mit dem Heck so nach unten gezogen wurde, dass die Fahrt auf nur 2 Knoten reduziert wurde. Dazu kam, dass immer mehr querverlaufende Wellen vom Süden und vom Norden her ein Chaos veranstalteten, so dass manche Wellen ins Cockpit einstiegen. Wir konnten uns vor lachen oft kaum noch halten, da es meistens gerade den traf, der soeben ein Kommentar über die Wellen abgegeben hatte. Endlich, da ganz in der Ferne am Horizont konnte ich einen Hügel erahnen, der zwischen den hohen Wellenbergen und zwischen den Squalls nur schwer auszumachen war. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Vor der untergehenden Sonne hebte sich das Land endlich ganz deutlich vom Wasser ab und die See beruhigte sich ebenso deutlich. Ein Vogel kam dahergeflogen und versuchte eine Stunde lang auf Columba zu landen, schwebte dabei oft minutenlang über einem unserer Köpfe, getraute sich aber dann doch nicht sich nieder zu setzen. Inzwischen war es dunkel geworden, als wir in die Bucht von St. Anne einliefen. Eine fast unechte Stille umgab uns und endlich, da war der Moment, dass wir die Columba richtig zum Anhalten bringen konnten. Der Anker fiel und wir setzten uns erst einmal für eine Gedenkminute. Daraufhin gab es wieder einen Sekt für die Wesen des Wassers, der Luft und von Columba, so wie wir es zu Anfang und bei der Hälfte der Strecke gehalten hatten. Und dann……..ein richtig erholsamer Schlaf!!!!! Unsere italienischen Freunde hatten eigentlich uns hier empfangen wollen, waren aber durch den hohen Seegang und einem vollkommen untypischem Südwind verhindert, von einer anderen Insel aus dem Norden zu uns zu kommen. Sie waren im Dezember in der Karibik angekommen und währen auf der Überfahrt beinahe in der Mitte auf dem Atlantik mit einem großen Schiff kollidiert, da der Wachehaltende eingeschlafen war. Unser Freund Gecky wachte durch ein seltsames Geräusch auf, sprang an Deck, sah die Schlafende Wache und eine hohe Schiffswand vor sich. Im letzten Moment hat das Schiff wohl noch ausweichen können. Später Wurden Sie von einigen Walen für viele Stunden begleitet, die immer an das Boot sehr dicht herangeschwommen sind, bis es Gecky mit der Angst zutun bekam und etwas Diesel in das Wasser kippte, mit dem er die Wale vertreiben konnte. Er hatte erfahren, dass erst wenige Wochen zuvor bei der Überquerung von 250 Segelbooten 2 von Walen versenkt wurden. Ein drittes Boot ist gesunken, da dessen Skipper über Bord sprang, um Selbstmord zu begehen. Als die Mitsegler ihn wieder an Bord geschafft hatten, sprang er wieder rein. Letztendlich haben sie Ihn gefesselt abgeborgen und sein Boot alleine dahintreiben lassen. Irgendwann zerschellte es dann an den Klippen.
Jetzt, da schon Februar ist, ist wohl ein Großteil der Yachten schon weiter gezogen. Trotz allem ist es hier in St. Anne noch alles voller Boote, weit mehr, als wir erwartet hatten.
Abgesehen von dem hohen Anteil an Touristen die es hier gibt, ist die Insel wunderschön. Alles voller Kokospalmen und Früchte aller Art. Als wir hier weiter in den Süden der Insel gelaufen sind, kamen wir an einer Waldgegend vorbei, in der es eine Baumsorte gibt, die man während und nach einem Regenschauer weder berühren noch darunter stehen darf, da sie dann einen giftigen Saft absondern, der die Haut wie verbrennt und bei stärkeren Mengen zum Tode führt. Echt nett, dass sie diese Bäume hier rot markiert haben. Rainer, der ja bei uns an Bord mitgesegelt war, ist inzwischen wieder nach Deutschland geflogen. Während unserer Überfahrt hatten wir so viel Lebensmittel und Wasser dabei, dass wir jetzt noch lange davon zehren können.
Es hat hier zwischen 20° und 25° C, daher verbrachten wir den heutigen Tag mit schwimmen, in der Sonne räkeln und schlafen. Während dessen beobachteten wir, dass immer wieder ein Zollboot vorbei kam, mindestens vier mal eine Runde um uns drehte und nett winket. Schließlich kamen sie längsseits, waren recht lustig drauf, durchsuchten unser Boot und wollten wissen, was wir so in unserer Zukunft vorhätten. Als sie unseren französischen Motor sahen, waren sie unglaublich stolz. Hier ist ein reger Drogenhandel am blühen, und so wurden vor kurzem hier an Bord eines Katamarans 4 Tonnen Drogen gefunden.
Genau zum rechten Moment sind wir hier angekommen, denn ab diesem Wochenende geht hier Karneval so richtig los. Nach all den Festivitäten heißt es für uns dann, weiter nordwärts ziehen, denn ab Ende April müssen wir schon nördlich von Florida sein, um aus der Hurrikanregion raus zu kommen.
Euch die wärmsten Grüsse aus der Karibik, Eure M&M